
PECS: Kommunizieren lernen mit Bildern
PECS gibt nicht- oder wenig-sprechenden Kindern eine Stimme. Wie der Bildkarten-Austausch funktioniert, für wen er geeignet ist und wie wir in Wien damit arbeiten.
Ein Kind, das sich nicht mitteilen kann, erlebt den Alltag oft als anstrengend: Wünsche bleiben ungehört, Bedürfnisse werden erraten — oder übersehen. Das Picture Exchange Communication System, kurz PECS, setzt genau hier an: Über den gezielten Austausch von Bildkarten lernen nicht- oder wenig-sprechende Menschen, aktiv und selbstbestimmt zu kommunizieren. Was PECS genau ist, wie die sechs Phasen aufeinander aufbauen und wie wir damit in unserer Praxis in Wien-Währing arbeiten, erklärt dieser Beitrag.
Was ist PECS?
PECS (Picture Exchange Communication System) ist ein strukturiertes Verfahren der Unterstützten Kommunikation. Entwickelt wurde es in den 1980er-Jahren in den USA von Andy Bondy und Lori Frost — ursprünglich für autistische Kinder ohne Lautsprache. Heute wird es weltweit bei ganz unterschiedlichen Kommunikationsbeeinträchtigungen eingesetzt.
Das Grundprinzip ist so einfach wie wirkungsvoll: Die Person übergibt eine Bildkarte — und bekommt dafür das Gewünschte: ein Lieblingsspielzeug, eine Pause, eine Aktivität. Kommunikation hat damit von Anfang an eine unmittelbare Funktion: Sie lohnt sich.
Ein entscheidender Unterschied zu bloßem Zeigen oder Gebärden: Bei PECS wird die Person selbst aktiv. Sie wählt die Karte aus, geht auf das Gegenüber zu und übergibt sie. Genau diese Initiation — der eigene erste Schritt — ist das Herzstück der Methode.
Für wen ist PECS geeignet?
- Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Autismus-Spektrum
- Nicht- oder wenig-sprechende Personen
- Menschen mit Sprachentwicklungsverzögerung
- Personen mit kognitiver Beeinträchtigung
- Alle, denen der verbale Ausdruck von Bedürfnissen schwerfällt
PECS braucht keine Voraussetzungen: kein Mindestalter, keine bestimmten Vorab-Fähigkeiten. Gestartet wird genau dort, wo die Person gerade steht.
Wie funktioniert PECS? Die sechs Phasen
PECS folgt einem klar strukturierten Aufbau. Jede Phase wird erst dann erweitert, wenn die vorherige sicher beherrscht wird:
- Der erste Austausch: Die Person lernt, eine Bildkarte aufzunehmen, sie dem Gegenüber zu geben und dafür das gewünschte Objekt zu erhalten. Anfangs wird sie dabei körperlich unterstützt — diese Hilfe wird Schritt für Schritt abgebaut.
- Distanz und Ausdauer: Die Person wird selbstständiger: Sie sucht die Karte, steht auf und geht aktiv zur Kommunikationspartnerin oder zum Kommunikationspartner — auch über Distanz.
- Bilder unterscheiden: Aus mehreren Karten wird gezielt gewählt — etwa zwischen dem Lieblingsjoghurt und einem neutralen Bild. So wird sichergestellt, dass die Wahl bewusst getroffen wird.
- Satzstruktur: Aus Einzelkarten werden erste Sätze: Mit einem Satzstreifen entsteht „Ich möchte …“ plus Bildkarte.
- Auf Fragen antworten: Die Person lernt, spontan zu fordern und auf die Frage „Was möchtest du?“ zu antworten.
- Kommentieren: Kommunikation wird mehr als Wünsche äußern: „Ich sehe …“, „Ich höre …“ — die Person beginnt, ihre Welt mitzuteilen.
Bremst PECS die Lautsprache?
Diese Sorge hören wir oft — und sie ist unbegründet. PECS ist kein Ersatz für Sprache, sondern eine Brücke zu ihr: Wer erlebt, dass Mitteilen funktioniert, will mehr davon. Erfahrungen aus Praxis und Forschung zeigen, dass viele Kinder parallel zur Bildkommunikation erste Lautsprache entwickeln. Und für alle, die dauerhaft auf Unterstützung angewiesen sind, bleibt PECS ein zuverlässiger eigener Kommunikationsweg — vom Bildkartenbuch bis hin zu elektronischen Hilfsmitteln.
Wie wir mit PECS arbeiten
In unserer Praxis wird PECS von Tuba Akar-Akram umgesetzt — zertifizierte PECS-Implementerin und Pädagogin. Der Ablauf ist bewusst alltagsnah gestaltet:
- Erstgespräch & Anamnese: Wir analysieren die aktuelle Kommunikation und definieren gemeinsame Ziele.
- Beobachtung: Wir erfassen, wie sich die Person bisher im Alltag mitteilt.
- Vorbereitung: Wir wählen motivierende Bildkarten aus — Lieblingsspielzeug, Nahrungsmittel, Aktivitäten.
- Einführung & Alltagsintegration: Die Grundstruktur wird aufgebaut und in vertrauten Situationen gefestigt — zu Hause, in der Kindertagesstätte, in der Schule.
- Erweiterung & Reflexion: Wortschatz und Satzstrukturen wachsen schrittweise; die Fortschritte werden laufend gemeinsam überprüft.
Entscheidend dabei: PECS trägt nur, wenn es im Alltag gelebt wird. Deshalb arbeiten wir eng mit Eltern und Bezugspersonen zusammen — damit Kommunikation überall gelingt, nicht nur in der Förderstunde.
Fazit: Eine Stimme hat viele Formen
PECS gibt Menschen, die (noch) nicht sprechen, eine wirksame Möglichkeit, sich aktiv mitzuteilen — Bild für Bild, Schritt für Schritt, bis hin zu ersten Sätzen. Wenn Sie sich fragen, ob PECS für Ihr Kind oder eine Person in Ihrem Umfeld geeignet ist, sprechen Sie uns an.
→ Mehr zum Ablauf: PECS-Förderung bei NEUROdiver
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